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7.500 Aufträge, minus zwei Drittel Umsatz: Was KI mit meinem Übersetzergeschäft gemacht hat

Plan B mit KI · Ausgabe #1 · Lesezeit ca. 6 Minuten


Notiz des Herausgebers

„In der zweiten Hälfte 2023 bekam ich die ersten KI-Übersetzungen, die ich nur noch ‚kurz korrigieren‘ sollte, für einen Bruchteil des alten Preises. Heute liegt mein Übersetzungspreis bei etwa einem Drittel. Seit Mitte 2024 probiere ich Alternativen aus, und in diesem Newsletter zeige ich, was davon funktioniert.“


Hallo, ich bin Max.

Zehn Jahre lang war ich Übersetzer auf Fiverr. Kein Nebenbei-Gig, sondern mein Beruf: rund 7.500 Aufträge für mehr als 3.000 Kundinnen und Kunden. Ich konnte davon leben.

Gemerkt habe ich es zuerst Mitte bis Ende 2023. Kund:innen schickten mir KI-Übersetzungen und wollten nur noch eine Korrektur, für deutlich weniger Geld, es sei ja „nur eine Korrektur“. Diese Texte waren voller Fehler, und die Kund:innen waren enttäuscht, dass sie auf diesem Weg nicht weiterkamen. Danach wurde es normal: Kund:innen erwähnten ganz nebenbei, sie hätten mit KI übersetzt, und es fehle nur noch ein kurzes Drüberlesen. Budgets von 10 bis 20 % des früheren Preises oder nur ein paar Cent kamen immer häufiger vor. Mein Preis für Übersetzungen ist auf etwa ein Drittel gefallen.

2022 habe ich mit Übersetzungen rund 60.000 Euro umgesetzt. 2026 werden es etwa 20.000 Euro sein. Minus zwei Drittel in vier Jahren.

Ich habe nicht plötzlich verlernt, wie man übersetzt. Aber viele Kund:innen brauchen für das, wofür sie früher bezahlt haben, keinen Menschen mehr. Eine Rohübersetzung erledigt heute ein Chatbot in Sekunden, und für viele Zwecke ist sie gut genug.

Ich bin nicht der Einzige

Das ist kein Bauchgefühl. Forscher der Washington University in St. Louis und der New York University haben untersucht, was nach dem Start von ChatGPT, DALL-E 2 und Midjourney mit Freelancern auf einer großen Online-Plattform passiert ist. Ihr Ergebnis, veröffentlicht 2024 in der Fachzeitschrift Organization Science: In stark betroffenen Berufen gingen sowohl die Zahl der Aufträge als auch die Einnahmen zurück. Und, für mich der bitterste Satz: Gute Bewertungen und viel Erfahrung schützten nicht. Es gibt sogar Hinweise, dass gerade die erfolgreichsten Freelancer überdurchschnittlich getroffen wurden. (Hui, Reshef & Zhou 2024)

Wenn du das hier liest, weil dir als Texterin, Übersetzer, Illustratorin, Designer, virtuelle Assistenz oder in einem anderen kreativen oder sprachlichen Beruf gerade etwas Ähnliches passiert: Es liegt nicht an dir. Der Markt hat sich verschoben.

Warum „Plan B“?

Weil Plan A bei mir nicht aufgegangen ist. Plan A hieß: „Ich mache weiter, was ich gut kann, und es wird schon wieder.“

Mitte 2024 habe ich angefangen, nach Alternativen zu suchen, und erste eigene Buch- bzw. Publikationsprojekte ausprobiert. Seitdem habe ich mich entschieden, das Werkzeug, das mir die Aufträge weggenommen hat, selbst in die Hand zu nehmen. Ich baue gerade neue Einnahmequellen auf, und zwar mit KI-Helfern statt gegen sie: eigene digitale Produkte, automatisierte Abläufe, Dinge, die ich allein früher nie geschafft hätte. Manches funktioniert, manches nicht. Gerade werfe ich bewusst viel an die Wand und schaue, was hängen bleibt. Viele Ideen scheitern nicht daran, dass sie schlecht sind, sondern daran, dass sie nie fertig werden und nie rausgehen. Genau darüber will ich hier schreiben.

Mein Ziel für dich: dass du nach einem Jahr mit diesem Newsletter keine Angst mehr vor der Flucht nach vorn hast.

„Plan B mit KI“ ist kein Kurs und kein Versprechen. Ich verkaufe dir keine „KI-Cashmaschine“. Ich zeige dir, was ich ausprobiere, was es kostet, was es bringt. Mit echten, gerundeten Zahlen, auch wenn sie unbequem sind.

Was dich hier erwartet

Jeden Dienstag, kostenlos:

Später geplant: ausführlichere Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu Workflows und Einnahmequellen, Vorlagen (Prompts, Angebots- und Preisvorlagen, Checklisten) und ein regelmäßiger Umbau-Bericht mit meinen echten Zahlen. Wann und in welcher Form das kommt, sage ich rechtzeitig. Die Dienstagsausgabe bleibt kostenlos.


Der Tipp der Woche: Lass deine Kundenstimmen dein nächstes Angebot schreiben

Wer lange selbstständig ist, hat einen Schatz, den kaum jemand nutzt: Kundenstimmen. Die meisten von uns lesen Bewertungen nur als Note: fünf Sterne, gut. Dabei steht im Text oft, wofür Kund:innen eigentlich dankbar waren. Und das ist häufig nicht die Leistung auf dem Papier, sondern etwas drumherum: mitdenken, Fehler finden, den richtigen Ton treffen.

Genau solche Dinge sind schwer zu automatisieren. Mit KI findest du sie in deinen eigenen Stimmen in einer Viertelstunde.

So geht’s (ca. 15 Minuten):

  1. Sammle 20 bis 50 Kundenstimmen: Plattform-Bewertungen, Dankes-Mails, Nachrichten nach Projektende. Kopiere nur den Text.
  2. Anonymisieren: Entferne Namen, Firmennamen, E-Mail-Adressen und alles, was auf eine konkrete Person schließen lässt.
  3. Schutz einschalten: Wenn du ChatGPT nutzt, verwende einen „temporären Chat“ oder schalte in den Einstellungen unter „Datenkontrollen“ die Option „Das Modell für alle verbessern“ aus. Laut OpenAI werden temporäre Chats nicht zum Training verwendet (können aber bis zu 30 Tage aus Sicherheitsgründen gespeichert werden). (OpenAI Hilfe: Data controls in ChatGPT) Bei anderen Tools: vorher die Datenschutzeinstellungen prüfen.
  4. Diesen Prompt verwenden:
Hier sind anonymisierte Kundenstimmen zu meiner Arbeit als [dein Beruf].

1. Gruppiere sie nach dem Nutzen, den die Kund:innen beschreiben, nicht nach der Leistung, die ich formal erbracht habe.
2. Nenne die 3 häufigsten Nutzen mit je 2 wörtlichen Belegzitaten.
3. Welche dieser Nutzen könnte eine KI heute NICHT zuverlässig liefern? Begründe kurz.
4. Formuliere daraus 3 Angebotsideen, die genau diesen Nutzen in den Mittelpunkt stellen (Titel + 2 Sätze), für Kund:innen, die einfache Aufgaben inzwischen selbst mit KI erledigen.

Erfinde nichts dazu. Wenn die Stimmen etwas nicht hergeben, sag es.

[Kundenstimmen hier einfügen]
  1. Prüfen, nicht übernehmen: Gleiche die Zitate mit deinen Originalen ab. Die KI hilft beim Sortieren, die Entscheidung triffst du.

Welches Tool? Das ist meine persönliche Erfahrung aus dem Alltag, kein Test: Am meisten geholfen haben mir ChatGPT und Claude, beide gleichauf. Danach kommt DeepSeek, am wenigsten geholfen hat mir Gemini. Für agentenartige Software, die selbstständig Aufgaben am Rechner erledigt, liegt für mich Codex weit vorn. Für die Übung oben reicht jedes der Chat-Tools.

Probier es aus und antworte mir: Welcher Nutzen stand bei dir ganz oben? Ich lese jede Antwort.


Bis nächsten Dienstag

Nächste Woche schaue ich mir an, welche Freelance-Aufträge KI gerade wirklich ersetzt und welche nicht. Mit Studien und Plattformdaten statt Bauchgefühl.

Wenn dir diese Ausgabe geholfen hat, leite sie an eine Kollegin oder einen Kollegen weiter, dem es gerade ähnlich geht.

Max

Plan B mit KI ist ein Newsletter von Max Ronning. Herausgeber: siehe Impressum.


Quellen dieser Ausgabe

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